21. Oktober 2021

Allein in Deutschland werden jedes Jahr 3 - 4.000 Kinder mit Alkoholschädigungen verschiedener Ausprägung geboren. Damit ist dies die häufigste nicht genetische Ursache für geistige Behinderungen – und dabei zu hundert Prozent vermeidbar.

Professor Spohr, ein Pionier der FASD Forschung und Diagnostik

Ist FASD zu 100% vermeidbar?

Meine Antwort A ist: Ja. Wenn eine schwangere Frau keinen Alkohol zu sich nimmt, 0,0%, ist FASD vollständig vermeidbar.

Antwort B: Nein. Selbst wenn viel weniger Frauen während der Schwangerschaft Alkohol trinken, wird es nicht ganz vermeidbar sein.

Diese Antworten kommen aus unterschiedlichen Perspektiven. Individuell stimmt Antwort A, 100% vermeidbar. Gesellschaftlich gesehen, ist es als Ziel völlig unrealistisch.

Die beste Formulierung ist ein bisschen länger: FASD ist zu 100% vermeidbar, WENN Schwangere keinen Alkohol trinken.

Ich glaube so wird eine falsche Hoffnung vermieden, dass es relativ einfach sei, FASD zu vermeiden.

Kurz zu Zahlen

Nach einer Metastudie von Popova et al. von 2017 konsumieren weltweit 10 % der schwangeren Frauen Alkohol. In einigen Regionen insbesondere in Europa trinkt sogar jede vierte Frau während der Schwangerschaft Alkohol. Speziell für Deutschland gibt es keine genauen Zahlen.

Nach einer Studie des Münchner Instituts für Therapieforschung kamen 2014 in Deutschland 12.650 Kinder mit FASD zur Welt. Darunter waren knapp 3000 Babys mit FAS.

Angaben zur Verbreitung von FASD in der Bevölkerung schwanken für Deutschland zwischen 1 und 2%. Das heißt, dass in Deutschland 800.000 bis 1,6 Millionen Menschen mit FASD leben.

Prävention von FASD heißt daher, ein richtig dickes Brett zu bohren.

Schon die Zahl von Neugeborenen mit FASD 50 % zu reduzieren, ist eine große Herausforderung.

Ein Präventionsbeispiel aus einem ganz anderen Bereich

In der Mitgliederzeitschrift „fairkehr“ des VCD (Ausgabe 4/2021) steht in einem kleinen Kasten:

In Frankreich haben rund 200 Städte Tempo 30 eingeführt und so die Zahl der Verkehrstoten innerorts um durchschnittlich 70% reduziert.

Jetzt will ich gar nicht tiefer einsteigen. Ich weiß auch nicht von welchem Niveau aus die Zahl der Verkehrstoten so deutlich reduziert worden ist. Es ist aber beachtlich, dass mit einer relativ einfachen Maßnahme eine erfolgreiche Prävention betrieben werden konnte. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, welche Diskussionen es in den 200 französischen Städten gegeben hat.

Ein Gedankenexperiment zur FASD Prävention

Stellen wir uns mal ein sehr ambitioniertes Ziel vor. Das ist jetzt nur ein Gedankenexperiment. Also, in Deutschland vielleicht sogar auf europäischer Ebene soll die Zahl der Neugeborene mit FASD in 5 Jahren um 50% reduziert werden.

  • 2022-2023: Zuerst müssten verlässliche Zahlen erhoben werden. Ohne könnte der Fortschritt gar nicht gemessen werden. Allein eine frühe flächendeckende Diagnostik ist schon eine große Herausforderung. Pi mal Daumen rechne ich in unserem Gedankenexperiment mit mindestens 2 Jahren. Parallel könnte man versuchen herauszubekommen, welches die effektivsten Präventionsmaßnahmen sind.
  • 2024 könnte man mit diesen Informationen regional und europaweite Modellprojekte durchführen.
  • 2025-2026: Wenn man die Ergebnisse sofort zur Verfügung hätte, blieben noch zwei Jahre der Durchführung von Präventionsmaßnahmen in richtig großen Maßstab.

Tja, alles Konjunktiv, wäre, hätte. Das soll kein realistischer Fahrplan sein. Wahrscheinlich brauchen alleine Förderanträge Jahre. Als Gesellschaft haben wir sogar zwei riesige Aufgaben:

  1. die Menschen mit FASD so zu unterstützen und zu fördern, dass sie ein Leben in Würde und mit gesellschaftlicher Teilhabe führen können
  2. dafür zu sorgen, dass weniger Alkohol in der Schwangerschaft konsumiert wird Bei den volkswirtschaftlichen Kosten von FASD sprechen wir wahrscheinlich von Kosten im Milliardenbereich jedes Jahr, allein in Deutschland. Es lohnt sich daher auch wirtschaftlich für Prävention richtig Geld in die Hand zu nehmen und es zielgerichtet einzusetzen.

Es gibt schon tolle Präventions-Projekte

In der Podcast Folge C20 haben wir durch Mylene und Kathleen erfahren, wie in Berlin Menschen mit FASD und Mitarbeiter des Sonnenhofes Woche für Woche Präventionsveranstaltungen durchführen. Wenn Mylene Jugendlichen oder jungen Erwachsenen aus ihrem Leben mit FASD erzählt, geht das den Zuhörenden oft „mitten ins Herz“.

Links

Serie:

  1. Was ist FASD?
  2. FASD 4G Diagnose
  3. Wie tickt ein Mensch mit FASD?
  4. Prävention - Ist FASD zu 100% vermeidbar?